Verhaltenes Wirtschaftswachstum auch im Jahr 2016

Bern, 17.09.2015 - Konjunkturprognosen der Expertengruppe des Bundes – Herbst 2015*. Die markante Frankenaufwertung von Mitte Januar hat die schweizerische Konjunktur im ersten Halbjahr 2015 stark abgebremst. Trotz einer leichten Entspannung der Wechselkurssituation in den letzten Wochen geht die Expertengruppe wie bisher davon aus, dass die Wirtschaftsentwicklung in der zweiten Jahreshälfte noch sehr verhalten bleiben sollte und sich erst im Verlauf von 2016 festigen dürfte. Eine wichtige Voraussetzung für eine Verbesserung der Wirtschaftslage ist, dass die internationale Konjunktur aufwärtsgerichtet bleibt und insbesondere der Euroraum seine Erholung fortsetzen kann. Insgesamt wird für 2015 ein BIP-Wachstum von 0,9% (Juni-Prognose: +0,8%) und für 2016 eine moderate Beschleunigung auf 1,5% (Juni-Prognose: +1,6%) erwartet. Angesichts dieser eher verhaltenen konjunkturellen Dynamik dürfte die Arbeitslosenquote von 3,3% im Jahresdurchschnitt 2015 auf 3,6% im 2016 ansteigen.

Internationale Konjunktur
Die Weltwirtschaft zeigte im ersten Halbjahr 2015 eine mässige Wachstumsdynamik, die durch gegenläufige Tendenzen zwischen Industrie- und Schwellenländern geprägt war. Während die US-Konjunktur nach einem verhaltenen Jahresbeginn wieder Tempo aufnahm und sich im Euroraum die langsame Erholung fortsetzte, kühlte sich die Konjunktur in vielen Schwellenländern noch weiter ab. Länder wie Brasilien und Russland leiden erheblich unter unsicheren politischen Bedingungen sowie fallenden Rohwarenerlösen und finden bislang nicht aus der Rezession.

Über den Sommer sind vor allem die Unsicherheiten über die weitere Wirtschaftsentwicklung in China in den Fokus gerückt. Zu der bereits seit einigen Jahren stattfindenden strukturellen Verlangsamung des Wirtschaftswachstums (von beinahe 10% bis zum Jahr 2011 auf weniger als 7% im Jahr 2015) gesellten sich vermehrte Befürchtungen eines drohenden Konjunktureinbruchs (hard landing). Sowohl die abrupte Korrektur der chinesischen Börsenhausse als auch die teilweise Freigabe des Wechselkurses mit anschliessender Abwertung des Yuan gegenüber dem US-Dollar sorgten an den internationalen Finanzmärkten für Verunsicherung. Allerdings gibt es bislang keine klaren Signale für einen starken realwirtschaftlichen Abschwung der chinesischen Wirtschaft. So stehen ausgeprägten Schwächetendenzen in der Industrie und am Immobilienmarkt positive Indikatoren aus dem Dienstleistungssektor und vom Konsum gegenüber. Entsprechend erscheint eine Fortsetzung des langsameren Wachstumstempos der chinesischen Wirtschaft wahrscheinlicher als eine krisenhafte Zuspitzung mit stark negativer globaler Ausstrahlung.

Wie schon im bisherigen Jahresverlauf dürften die gedämpften Impulse aus den Schwellenländern auch in den kommenden Quartalen den Welthandel und die Exporte der Industrieländer etwas bremsen. Jedoch erscheinen insbesondere in den USA, aber zunehmend auch im Euroraum, die konjunkturellen Auftriebskräfte genügend gefestigt, um dies ohne grössere Rückschläge verkraften zu können. Für die USA wird von einer Wachstumsverstärkung auf 2,5% 2015 und 2,8% 2016 ausgegangen. Angesichts der gestiegenen konjunkturellen Unsicherheit, des aufgewerteten US-Dollars sowie des fehlenden Inflationsdrucks hat sich aber die Wahrscheinlichkeit erhöht, dass die US-Notenbank die erste Leitzinserhöhung, die bis vor kurzem noch für Ende September erwartet wurde, noch um einige Monate verzögern wird.

Im Euroraum ist die Wirtschaft im 2. Quartal um 0,4% (im Vergleich zum Vorquartal) gewachsen, was einer moderaten Erholung entspricht. Diese schlägt zunehmend auch auf den Arbeitsmarkt durch. Im Juli fiel die Arbeitslosenquote im Euroraum mit 10,9% erstmals seit Februar 2012 wieder unter die Marke von 11%. Die Tendenz einer langsam voranschreitenden Verbesserung der Wirtschaftslage dürfte sich in den kommenden Quartalen und im nächsten Jahr fortsetzen. Den Bremseffekten aus den Schwellenländern steht der in den letzten Wochen erfolgte nochmalige Rückgang der Ölpreise um rund 10 Dollar als konjunkturstimulierender Faktor gegenüber. Ausserdem dürfte die expansive Geldpolitik vermehrt Wirkung entfalten, und die Finanzpolitik ist in den meisten Euro-Mitgliedsländern weniger restriktiv ausgerichtet als in den vergangenen Jahren. Vor diesem Hintergrund ist für den Euroraum weiterhin von einer leichten Beschleunigung des BIP-Wachstums von 0,9% im Jahr 2014 auf 1,3% 2015 und 1,6% 2016 auszugehen (Juni-Prognose: 1,4% im 2015; 1,7% im 2016).

Insgesamt stellen sich damit die Aussichten für das internationale Konjunkturumfeld weiterhin relativ positiv dar. Allerdings dürfte die weltwirtschaftliche Beschleunigung wegen der schwächeren Tendenzen in den Schwellenländern etwas langsamer verlaufen als noch in der letzten Prognose (von Juni 2015) angenommen wurde.

Konjunkturlage und -prognosen für die Schweiz
In der ersten Jahreshälfte 2015 kam das Wirtschaftswachstum der Schweiz praktisch zum Stillstand. Wachstumsimpulse kamen von der Inlandnachfrage, insbesondere vom privaten Konsum sowie von den Ausrüstungsinvestitionen. Die Exporte von Waren und Dienstleistungen waren durch die Frankenaufwertung Mitte Januar und die etwas schwächere Dynamik des Welthandels negativ betroffen. Angesichts der Wechselkurssituation und der etwas nach unten korrigierten Erwartungen für die Weltwirtschaft rechnet die Expertengruppe des Bundes für das Jahr 2015 mit negativen Wachstumsbeiträgen durch die Handelsbilanz. Im Jahr 2016 sollte die Handelsbilanz wieder positiv zum BIP-Wachstum beitragen.

Mehr noch als in den realen (preisbereinigten) Wirtschaftszahlen hat sich die Frankenaufwertung von Mitte Januar in ausgeprägten Preisrückgängen auf breiter Front niedergeschlagen. Sowohl die Aussenhandelspreise (Export- und Importpreise) als auch die inländischen Produzenten- und Konsumentenpreise sind im bisherigen Jahresverlauf stark gesunken. Die ausgeprägten Preissenkungen sind einerseits Ausdruck der schmerzhaften Margenverluste vieler Firmen, um konkurrenzfähig bleiben zu können. Andererseits spiegeln sie aber zum Teil auch tiefere Kosten der Firmen, etwa durch tiefere Einkaufspreise für importierte Vorleistungen, darunter insbesondere auch Erdölprodukte.

Über den Sommer scheint sich die Stimmung bei den Schweizer Unternehmen zumindest nicht weiter verschlechtert zu haben. So zeigt sich bei wichtigen Stimmungsindikatoren wie den KOF-Umfragen und dem Einkaufsmanagerindex (PMI), die sich im Frühjahr stark verschlechtert hatten, in jüngster Zeit (Juli/August) eine Stabilisierungstendenz. Hierzu könnte die leichte Entspannung der Währungslage beigetragen haben, die vor allem zum Euro eingetreten ist. Seit der Einigung in der Griechenlandkrise Mitte Juli hat sich der Franken zum Euro leicht abgewertet. Auch wenn sich der Franken in der gleichen Zeit gegenüber diversen Schwellenländerwährungen aufgewertet hat, präsentiert sich die Wechselkurssituation derzeit günstiger als noch im Juni, bleibt jedoch weiterhin angespannt.

Die Expertengruppe geht wie bisher davon aus, dass die Wirtschaftsentwicklung in der zweiten Jahreshälfte noch sehr verhalten bleiben sollte und sich erst im Verlauf von 2016 festigen dürfte. Insgesamt wird für 2015 ein BIP-Wachstum von 0,9% und für 2016 eine leichte Beschleunigung auf 1,5% erwartet (Juni-Prognose: +0,8% 2015, +1,6% 2016). Damit würde die Schweizer Wirtschaft für zwei Jahre eine deutlich unterdurchschnittliche Wachstumsdynamik verzeichnen, gemessen am Potenzialwachstum, das im Bereich von rund 2% liegen dürfte.

Die inländische Nachfrage dürfte zwar weiterhin eine wichtige Konjunkturstütze bleiben, allerdings mit Einschränkungen. So zeigen sich insbesondere bei den Bauinvestitionen, welche die Konjunktur seit der Finanzkrise massgeblich gestützt haben, nach den hohen Zuwachsraten der letzten Jahre nunmehr deutliche Abkühlungstendenzen. Demgegenüber dürfte der private Konsum dank fortgesetztem Bevölkerungswachstum und steigenden Reallöhnen weiterhin wachsen, auch wenn die Eintrübung der Arbeitsmarktlage die Konsumdynamik etwas bremsen könnte. Bei den Ausrüstungsinvestitionen kann angesichts der gedämpften Konjunkturaussichten kaum mit einer beschleunigten Expansion gerechnet werden.

Die verhaltene konjunkturelle Dynamik dürfte den Arbeitsmarkt noch in den kommenden Quartalen belasten. Bezogen auf die Gesamtbeschäftigung hat der Frankenschock von Mitte Januar zwar bislang noch keine deutlichen Spuren hinterlassen; die Beschäftigung nahm auch im 2. Quartal 2015 weiter zu. Nach Sektoren betrachtet stieg die Beschäftigung aber nur noch im Dienstleistungssektor, während sie insbesondere in der Industrie, aber auch im Baugewerbe, leicht zurückging. Die Expertengruppe erwartet, dass sich diese Divergenzen in den kommenden Quartalen noch akzentuieren könnten. Für 2015 wird im Jahresdurchschnitt ein Beschäftigungszuwachs von 0,9% erwartet, für 2016 von 0,8%. Seit dem Frühjahr 2015 steigt zudem die saisonbereinigte Arbeitslosigkeit wieder langsam an, und diese unerfreuliche Tendenz dürfte sich bis ins kommende Jahr hinein fortsetzen. Die Expertengruppe erwartet für 2015 unverändert eine Arbeitslosenquote von 3,3% im Jahresdurchschnitt. Die Prognose für 2016 wurde infolge der erwarteten zögerlichen Wirtschaftserholung nochmals leicht nach oben korrigiert auf 3,6% (Juni-Prognose: 3,5%).

Die stark rückläufige Preisdynamik dürfte mit abklingenden Effekten der Aufwertung allmählich nachlassen. Für das laufende Jahr erwartet die Expertengruppe eine deutlich negative Konsumteuerung von -1,1%, für 2016 praktisch Nullinflation (+0,1%).

Konjunkturrisiken
Angesichts der verstärkten Abkühlung in den Schwellenländern sind die weltwirtschaftlichen Risiken im Vergleich zur Juni-Prognose eher gestiegen. Falls einige Schwellenländer in eine noch ernsthaftere Krise und die Industrieländer wider Erwarten erneut in einen Abwärtssog geraten würden, hätte die Schweizer Wirtschaft in einem solchen Kontext nur geringe Chancen um weiter wachsen zu können. Im Euroraum bleibt überdies das latente Risiko bestehen, dass die griechische Schuldenkrise zwar eingedämmt wurde, die Probleme der Überschuldung und der mangelnden Wettbewerbsfähigkeit jedoch nicht gelöst sind. Ein neuerliches Aufflackern der Unsicherheit über die Stabilität der Währungsunion kann daher nicht ausgeschlossen werden und würde sich rasch auf den EUR/CHF Wechselkurs auswirken.

Neben der Währungsstärke haben in den letzten Jahren andere Entscheidungen die Unsicherheit für die Schweizer Wirtschaft erhöht, insbesondere für Standort- und Investitionsentscheide. Hier sind die unklare künftige Regelung der Zuwanderung und die Zukunft der bilateralen Verträge mit der EU zu erwähnen.

Demgegenüber besteht ein gewisses positives Risiko einer besseren Konjunkturentwicklung als erwartet. So deutet die Entwicklung der ersten Jahreshälfte 2015, obwohl einige Sektoren stark unter Druck geraten sind, insgesamt auf eine gewisse Widerstandsfähigkeit der Gesamtwirtschaft hin. Am aktuellen Rand sind zudem eine leichte Entspannung der Wechselkurssituation sowie eine Stabilisierung einiger wichtiger Konjunkturindikatoren (PMI, KOF-Umfragen) zu beobachten.

*Die Expertengruppe des Bundes für die Konjunkturprognosen publiziert viermal pro Jahr eine Prognose der konjunkturellen Entwicklung in der Schweiz. Die jüngste Prognose vom September 2015 wird in dieser Medienmitteilung kommentiert. Die aktuelle Ausgabe der «Konjunkturtendenzen», eine vierteljährliche Publikation des SECO, integriert diese Prognosen und vertieft weitere Aspekte der gegenwärtigen konjunkturellen Entwicklung. Diese Publikation erscheint in gedruckter Form als Beilage der Zeitschrift «Die Volkswirtschaft» (www.dievolkswirtschaft.ch). Ausserdem ist sie kostenlos auf dem Internet im PDF-Format verfügbar (http://www.seco.admin.ch/themen/00374/00375/00381/index.html?lang=de).


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Letzte Änderung 20.03.2019

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